Stalking

Stalking, was ist das? Stalking lässt sich bei Google oder auf Wikipedia nachlesen. Es werden in den USA z.B. jährlich 3 Mio. Menschen gestalkt, einige überleben es, einige jedoch nicht.

Ich kann sagen, dass ich es überlebt habe. Im Jahr 1990 ging ich eine Beziehung ein, die sich nicht gerade gut entwickelte, ich damals jedoch noch nicht wirklich viel Lebenserfahrung hatte.

Langer Rede, kurzer Sinn: nachdem ich von diesem Mann einmal für 2 ganze Tage in seinem Schlafzimmer eingeschlossen war ohne Essen oder Trinken und mein kleines Geschäft im Bumentopf machen musste, fasste ich den Entschluss zur Flucht. Meine Frage, wie ich meine Abwesenheit meinem Vater und meiner Firma gegenüber rechtfertigen soll, wurde damit beantwortet, dass er sowohl meinen Vater als auch meine Firma angerufen hätte und mich krank gemeldet hätte. Aha!

Als sich nach 2 Tagen die Türe öffnete, verhielt ich mich völlig normal und schaffte Vertrauen zu mir, jedoch meine Flucht war beschlossene Sache. Nach Abwarten von einigen Tagen setze ich meinen Fluchtplan in die Tat um. Ich hatte Spätdienst in der Firma und konnte alles am Vormittag organisieren. Meine Sachen warf ich ins Auto, den Schlüssel deponierte ich in seiner Wohnung, zog die Tür hinter mir zu und dachte mir, das wäre es jetzt.

Doch falsch gewickelt. Ab da ging es richtig los. Zuerst mit hunderten von Anrufen (Handies und Mails gab es damals GsD noch nicht). Eine Adressänderung und Telefonnummernänderung kam für mich nicht in Frage. Dann ging es mit Verfolgung weiter. Er lungerte ganztags vor meiner Firma in seinem Auto und beobachtete mich (Gassenlokal mit Fenstern). Er verfolgte mich heim, stieg jedoch nicht aus dem Auto, sondern fuhr dann weg. Dies steigerte sich, als er anfing, mir nicht nur in seinem Auto zu folgen, sondern an Ampeln oder direkt auf der Straße mein Heck zu touchieren, gerade so, dass nur kleine Schäden entstehen. Ich begann, die Vorfälle der Polizei zu melden, jeden einzelnen. Er war sogar so doof und fuhr hinter mir zur Polizei. Es wurde mit ihm gesprochen, aber es änderte sich nichts.

Dann begannen die Drohbesuche. Er tauchte zu jeder Tages- und Nachtzeit mit seinen bedrohlichen Freunden auf, hämmerte an meine Türe und die Türen der Nachbarn, bedrohte meinen Vater, der in seiner kleinen Wohnung neben meiner wohnte. Ich rief jedes Mal die Polizei, die auch jedes Mal kam.

Mittlerweilen begleiteten mich Freunde und Familie nach Hause, fuhren mit mit mir, als Zeugen, Unterstützung und Hilfe. Jeder Vorfall wurde dokumentiert und gemeldet.

Er zerstach die Reifen der Firmenautos, meines Autos, Zeugen gab es keine. Wieder Meldungen an die Polizei.

Und wie es nun mal so kommt: wenn die Bedrohung auf einmal weniger wird, wird man nachlässiger im Eigenschutz. Er tauchte nur mehr seltener auf, verfolgte mich nur mehr seltener und nachdem ein Zivilfahnder, nachdem er das gefühlte 100. Mal bei mir daheim einen Einsatz hatte, ihm drohte, dass nicht die Frau B. in die Psychiatrie gehört, sondern er und der Zivilfahnder nicht garantieren könne, was er mit ihm machen würde, wenn er noch ein einziges Mal zu mir fahren müsse wegen ihm, hörten auch die persönlichen Besuche bei mir, meinem Vater und meinen Nachbarn auf.

Ich wurde schleißig.

Eines Tages, ich hatte Spätdienst bis 19.00 Uhr, wurde von niemandem abgeholt, hatte die damalige Firmenuniform an (kurzer Rock, Stiefel, Bluse und Blazer) und es schneite wie wild und war saukalt, wollte ich – ohne Mantel, denn der lag im Auto – zu meinem PKW gehen, als ER auf einmal vor mir stand. Dicht vor mir. Mit einem Messer in der Hand. Er sagte zu mir, dass wenn ich jetzt nicht mit ihm in seinem Auto mitkomme, er mir hier und jetzt das Messer in den Bauch rammen wird.

In der Nebenfahrbahn neben uns ging eine Freundin vorbei, die meinen wortlosen Hilfeschrei nicht merkte. Also musste ich mir was einfallen lassen. Ich redete ganz ruhig auf ihn ein. Ich erklärte ihm, dass ich entweder jetzt hier erfrieren werde und mir ins Höschen machen werde, weil ich durch die Kälte schon dringend aufs WC musste, oder er mich, bevor ich natürlich mit ihm mitkommen würde, mir den Besuch des WC’s im Hotel daneben erlauben würde. Er drohte mir, ich solle auf keine blöden Gedanken kommen, nicht die Polizei rufen, etc. Natürlich, versprach ich ihm alles, ist ja klar.

Ich betrat die Lobby des Hotels, deutete dem Portier, er möge sofort mit mir mitkommen, erklärte ihm die Situation und er rief umgehend die Polizei. Ich sperrte mich im WC ein, der Portier bewachte das WC und ich kam erst raus, als die Polizei an der WC-Türe klopfte.

Sie verhafteten ihn. Ich wurde erst so richtig aufgerüttelt, als der junge Polizist, der meine Daten nahm, zu mir sagte, dass ich doch endlich was unternehmen soll. „Haben Sie denn eine Rechtschutzversicherung?“ Ja, klar, hab ich! Oh mein Gott, warum hatte ich daran noch nicht gedacht! „Verklagen Sie ihn, sie haben viele Gründe bereits beinand und alles dokumentiert“. „Fräulein, sie sind noch so jung, wollen Sie sich ihr Leben zerstören lassen durch ihn? Das hört nie auf, das ginge immer so weiter“ Recht hat er!!!!

Es gab damals noch kein Stalkinggesetz, aber der erste von der Rechtschutzversicherung empfohlene Rechtsanwalt sagte sofort, wer würde mich vertreten.

Als der Tag des Gerichtsverfahrens gekommen war, passte ER mich im Gang ab und drohte mir ein letztes Mal. Er schlug mir einen Deal vor. Wenn ich ein nur mit bekanntes Geheimnis seines Lebens vor Gericht nicht erwähnen würde (wäre eine STraftat gewesen mit langer Haft), dann würde er ab sofort nie wieder Kontakt zu mir aufnehmen.

Ich ging auf den Deal ein und hörte nie wieder etwas von ihm. Dennoch: ich drehte mich jahrelang immer um, wenn ich auf der Straße oder mit dem Auto unterwegs war. Ich änderte mein Aussehen immer wieder, meine Arbeitsrouten, die Wege zu Freunden. Nur meine Wohnung nicht, da war ich stur 🙂 Ich sah ihn ein einziges Mal auf einem Abschleppwagen stehen und ein Auto fixieren und dachte, mein Herz bliebe stehen. Er erkannte mich aber nicht, GsD.

Erst als ich im Jahr 2002 seinen damals besten Freund zufällig traf (mir blieb vor Schreck das Herz fast stehen, denn er war auch einer meiner Angreifer und Feinde) und den Mut aufbrachte, zu fragen, was aus IHM geworden war, hörten meine Albträume und paranoide Verfolgungsängste endlich und für immer auf.

Sein Freund erzählte mir, dass ER damals seinen Job, sein Auto, seine Wohnung, einfach alles verloren hätte und wieder bei seinen Eltern unterkam. Ein paar Jahre nach dem Gerichtsverfahren beging er Selbstmord.

Ich war befreit!

Heute sehe ich mir Stalker-Serien an, weil ich es verstehen möchte und mich in die Opfer hineinversetzen kann. Immer wieder finde ich es unendlich traurig, dass sogar in Ländern, in denen es strenge Strafgesetzte gegen Stalking gibt, Menschen sterben, getötet werden durch ihren Stalker. Dennoch wird etwas getan. Die Menschen bekommen Unterstützung. Holt sie euch!

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