Mit Erlaubnis geklaut…

 

Ich möchte nun einen Beitrag von einer Bekannten aus einem sozialen Medium mit euch teilen. Ja, ich habe ihre Erlaubnis nachweisbar dazu eingeholt. Ich verändere ihren Text in keinster Form, da er – bis auf persönliche Daten und Details wie Anzahl der Chemos, etc. – meine Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse sowie Wünsche bis zu 99% wiederspiegelt. Ich hätte es nie besser in Worte fassen können.

Zu oft schon hörte ich in den letzten Jahren „aber das oder das, das teilst jetzt aber ned in Facebook, oder?“… Dabei hätte ich es gerne getan! Warum? Weil ich glaube, dass ihr alle eigentlich gar nicht wirklich wisst, wie es mir geht. Wollt ihr es denn wissen?

Aber nur zu, lest und staunt…..

Originaltext

Tag 1 nach Chemotherapie Nummer 6. Ich bin jetzt im 7. Jahr krank. Schwerkrank. Es ist noch nicht so lange her, da war meine Einstellung, nichts über die Schwere meiner Krankheit hier bei Facebook in meine Chronik zu schreiben. Ich wollte mich schützen, meine Familie und Freunde. Zum Ausheulen hatte ich ja meine ebenfalls betroffenen Busenschwestern. Nur ein ebenfalls Betroffener kann nachempfinden was man durchmachen muss, wie gross mein Leid, meine Ängste und meine Schmerzen sind. Sowohl seelisch wie auch körperlich. So war meine Einstellung. Immer schön stark sein und nicht so viel jammern. Was ich nicht bedacht habe ist, dass ich dadurch etwas Wichtiges aus meinem Leben ausschließe, etwas, was überlebenswichtig ist. Je mehr ich stark wirke und je weniger ich den Menschen außerhalb der Gruppen preis gebe, desto einsamer bin ich im „Kampf“ gegen den Krebs. So bleibt es vom Anfang bis zum Ende immer nur „mein“ Krebs. Aber ich brauche Zuwendung, Trost, Mitgefühl. Menschen und Freunde, die ihre eigenen Probleme mal zurückstellen und mir neue Kraft geben. Für die neue Therapie, die ich gerade begonnen habe. Fast 7 Jahre, lange schwere Jahre, Auseinandersetzung mit einer am Ende doch tödlichen Krankheit, das ist eine harte Aufgabe. Ich höre oft, „du siehst aber gut aus, gesund, wie das blühende Leben!“ Dieser Satz ist so schnell gesagt und nimmt die Menschen aus der Verantwortung, mal genauer bei mir nachzufragen. „Sag mal, wie geht es dir denn wirklich? Hast du Schmerzen, wie kommst du damit klar, deinen Mann und deine Kinder allein zu lassen? Bestimmt würdest du gerne noch länger leben. Brauchst du Hilfe, kann ich etwas für dich tun?“ Es gibt nichts Schlimmeres für jemanden der sterben muss, zu hören, „du siehst aber gut aus!“ So als wäre der Krebs, mein Krebs, gar nicht so schlimm, gar nicht so bedrohlich. Ich komme mir vor als müsste ich die Krankheit verteidigen damit man mir überhaupt glaubt, das ich sie habe. Wo ich doch auch noch auf Reisen bin. Aber was immer als der super Urlaub rüberkommt ist auch nur eine Momentaufnahme, das Festhalten eines Augenblicks. Was davor oder danach geschieht, sieht niemand. Als wir jünger und gesund waren, brachte kaum jemand Komplimente über die Lippen. Da gab es Machtkämpfe und Stutenbissigkeit. Heute dient der Satz „du siehst aber gut aus“ dem eigenen Schutz, um dem Krebskranken nicht zu nahe kommen zu müssen. Aber genau diese Nähe wünsche ich mir. Echtes Mitgefühl. Dass sich jemand Zeit für mich nimmt und mich besucht, so wie ich mein Leben lang keine Wege gescheut habe um mir wichtige Menschen zu besuchen. Die Zeit wird knapper. Es ist nicht mehr meine Aufgabe, andere zu schützen. Meine Aufgabe ist es, jetzt für mich zu sorgen. Denn ich werde sterben und nicht die anderen. Ich bin die, die ihr Leben verliert und auf diesem schweren Weg sollte man nicht allein gelassen werden. Auch wenn jeder eigene Probleme hat die Kraft kosten, wenn man gesund ist kann man alles schaffen. In letzter Zeit betrachte ich meine Umwelt sehr genau. Das geht wohl allen Menschen so, die sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzen müssen. Ich sehe Missgunst, Verbitterung, Negativität, Materialismus, Besitzgier, Aggressivität und Selbstmitleid. Was mir fehlt, ist ein klares Bewusstsein und Demut für den wahren Reichtum des eigenen Lebens, Respekt vor der Schöpfung, Mitgefühl, Dankbarkeit und vor allem selbstlose Liebe. Nach dem Motto „Ich liebe dich weil es dich gibt und nicht weil du Das oder Jenes für mich tust. Weil du irgendwie für mich von Nutzen bist.“ Liebe ohne Erwartungshaltung. Nur das ist wahre Liebe. Liebe muss fließen. Stattdessen blockiert sie oft. Uns und auch unser Gegenüber. Und so verplempert man kostbare Zeit durch Missverständnisse. Zeit, die man nicht mehr nachholen kann. Und Stolz spielt auch eine Rolle. Falscher Stolz hat schon Menschen seelisch zugrunde gerichtet. Und am Ende stehen dann Freunde und Verwandte am Grab eines Verstorbenen und beklagen seinen Tod als wäre es ihr eigener, und seinen Verlust als ihr eigenes Schicksal und lassen sich bedauern und sie bekommen dann den Trost, den der Verstorbene sich zu Lebzeiten so gewünscht hat. Niemand fühlt mit dem Verstorbenen, dem bedauernswerten Opfer, das so tapfer war. An meinem Grab wünsche ich mir, dass man mich und mein verlorenes Leben betrauert und nicht das Schicksal meiner Freunde oder Angehörigen. Wenn sie die mir verbleibende Zeit noch nutzen, um Liebe zu leben gibt es für sie nichts zu betrauern. Schmerzhaft ist es, wenn man die Chance nicht genutzt hat als sie noch da war. Dieser Schmerz bleibt lebenslang. Das sind alles Gedanken, meine Lieben, die mir gerade durch den Kopf gehen an Tag 1 nach der 6. CHEMO. Ich sitze auf meiner neuen Terrasse, die mein Schatz extra für mich angelegt hat weil ich Sonne meiden muss während der Chemo. Meine Füsse in einem Fussbad zur Entgiftung und eine Tasse Jiaougulantee (der Tee der Unsterblichkeit) auf dem den Holztischchen. Daneben die Lektüre von „Leo Tolstoi, Der Tod des Iwan Iljitsch,“ der schwerkrank auf dem Sterbebett sein Leben noch einmal Revue passieren lässt und feststellen muss, dass er ein falsches Leben gelebt hat. Nicht seins, sondern ein fremdbestimmtes. Ist das nicht schrecklich? Nie etwas gewagt zu haben, aus Angst vor den Anderen? Aus Angst, nicht mehr geliebt zu werden wenn man ausbricht und eigene Wege geht? Der Mensch ist erpressbar. Der Wunsch nach Liebe und Zugehörigkeit macht uns unterwürfig. Wir verlieren unsere Identität. Mit diesen Gedanken sitze ich hier also in meinem „Schattendasein“ . Hier in dieser Ecke werde ich entspannen und Kraft schöpfen und Besuch empfangen. Die neue Chemo ist nicht so leicht wegzustecken . Ich hoffe, das CT im September zeigt einen Rückgang. Ich appelliere an eure Unterstützung. Ich will nicht mehr alles alleine tragen. Ich brauche euch alle. ❤ Auch wenn ich verdammt nochmal gar nicht todkrank aussehe . Ich glaube ich sehe so gut aus weil Gott meine innere Schönheit und Liebesfähigkeit, die manchen immer etwas unheimlich war, so richtig zum Vorschein bringt.


 

Und, durchgehalten und durchgelesen? Ich bin auf eure Reaktionen gespannt….. 🙂

Ein Gedanke zu „Mit Erlaubnis geklaut…

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