Das könnte ich sein!

Es ist noch dunkel, als ich mich heute Früh auf den Weg zu meiner Knochendichtemessung mache. -6 Grad hat es. Der Weg führt mich über die Bundesstraße, hinein in eine größere Stadt, wo man bereits überall Kinder auf den Straßen sieht auf dem Weg in die Schule. Kurz vor einer Ampel gleitet mein Blick hinaus beim Beifahrerfenster, etwas hat mich offenbar irritiert. Es ist ein Kreuz aus – ich glaube – Holz, umgeben von einem Meer aus Lichtern, einigen Stofftieren und und vielen Blumen. Wie der Schlag trifft es mich, war es hier, wo…? Ja, es muss hier gewesen sein, wo die Mutter sie fand, leblos und tot. Ein Schauer überläuft mich, Mitleid und Tränen steigen hoch, ein Leben, noch so jung, war plötzlich vorbei. Den Blick nach links wendend sehe ich Häuser, ist es hier, wo….? Ja, hier muss es sein, wo die Mutter lebt. Grauenhaft, unsagbar traurig.

Nach meiner Knochendichtemessung, kurz bevor ich das Institut verlasse, rast vor dem Fenster ein Rettungswagen mit Blaulicht und Folgetonhorn vorbei. Mich als Notfallsani beeindruckt dies nicht. Ich verlasse das Haus und schwenke nach links zu meinem Auto. Dann jedoch stutze ich. Die Menschen auf der Straße bleiben stehen, wenden alle den Blick nach rechts. Also, gemäß dem Massenzwang, tue ich das auch. Ich sehe Polizei, Rettung, laufende SanitäterInnen und die Feuerwehr kommt auch schon. Ich überlege nur, wie ich mit dem Auto dann an denen vorbeikommen soll, denn sie stehen am äußeren Ende einer Kreuzung. Auto starten, reversieren, Ampel auf Rot. Endlich kann ich fahren. Auch hier schwenkt mein Blick nach rechts, die ehemalige Neugier in mir kann nicht anders. Ich sehe nicht was passiert war, die Autos und die vielen Menschen versperren mir die Sicht. Plötzlich schießt mir ein „das könnte ich sein!“.

Gerade lese ich ein Buch über Todes- und Lebensangst, dann die zwei Erlebnisse dazu und das Wissen, dass erst vor wenigen Tagen eine ganze junge Frau, 24 Jahre alt, nebst ihrer Krebserkrankung auch von Metastasen erfahren hat, erschrecken mich. Ja, ich bin endlich, ja, es wird nur mehr wenige Jahre dauern, bis auch ich Geschichte bin. Doch wer ist jetzt im Vorteil? Der- oder diejenige, der/dem das Einsatzaufgebot gilt bzw. das junge Mädchen, das sein Leben so rasch verlor durch die Hand eines anderen oder ich? Ich kann es schwer formulieren, denn ich kenne die Antwort nicht.

Ich weiß nur eines – das könnte ich sein!

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