Einfach mal darüber reden!

Manche von euch werden sich denken, dass ich mit meiner Erkrankung nicht so an die Öffentlichkeit gehen sollte und nicht darüber bloggen, andere wiederum bestärken mich darin durch PN’s oder Mails. Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann…

Aber heute werde ich bloggen!

Der Anlass ist schön und traurig zugleich. Vor vielen Jahren, ich glaube, es sind sogar schon 10 oder 11 Jahre, hatte ich einen Kollegen, der damals auch schon vom Schicksal gebeutelt war. Mit den Jahren verloren wir uns aus den Augen, um uns in FB wieder zu „treffen“. Mittlerweilen sind wir beide durch Krebs betroffen und haben Prognosen, die uns die Endlichkeit erahnen lassen.

Heute hat sich kurzfristig die Gelegenheit auf einen gemeinsamen Kaffee ergeben und ich muss sagen, dass mir alle Gespräche mit Nicht-Betroffenen im letzten Jahr nicht soviel so viel Auftrieb, Fröhlichkeit und Akzeptanz gebracht haben, wie die 45 min., die wir geratscht haben. Sorry, friends!

Nur ein Betroffener, ein Gleichgesinnter, ein Leidensgenosse, wie man auch immer sagen möchte, versteht und TEILT meine Gedanken über Schmerzen, Therapie, Gewicht, Bestrahlung, Chemo, Haarverlust, Appetitlosigkeit, Prognose, Ängste, Galgenhumor, sozialen Rückzug, Verdrängung, Aggression, Hoffnungslosigkeit, Demut, Dankbarkeit und Endlichkeit.

Wozu brauch ich meine Psychologin, wenn ich doch Gleichgesinnte habe! Das ist ähnlich, wie wenn sich zwei fachkompetente Spezialisten treffen und fachsimpeln, nur die zwei wissen wirklich, wovon sie reden und sind happy, endlich richtige Gesprächspartner zu haben. Genau so ging es uns!

Mein Freund, der du das heute sicher lesen wirst, es hat mich sehr gefreut und schreit eindeutig nach Wiederholung! Danke für die schöne Zeit, ich habe es sehr genossen!

10 Jahre später….

Zuerst mal gleich: es geht mir gut! Ich bin nur grad ein bisschen nostalgisch….. Vielleicht, weil mir heute Fragen gestellt wurden, deren Antwort ich kenne, die ich jedoch gerne verdränge. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal.

Was hat sich seit 10.10.2008, dem Datum der Erstdiagnose, verändert. Tja, was hat sich wirklich verändert? Alles! Mein ganzes Leben! Oft frage ich mich, wo ich heute wäre, wenn dies alles nicht passiert wäre. Missversteht mich nicht, ich möchte die Zeit nicht zurückdrehen, keinesfalls, ich finde, dass mich die letzten 10 Jahre reich an Erfahrung und vielen anderen Dingen gemacht hat. Nein, ich möchte meine Erkrankung auch nicht missen. Aber – Anmerkung – waren die Metastasen denn wirklich nötig? Naja, darauf werde ich logischerweise keine Antwort bekommen.

Aber ich verzettel mich schon wieder. Was haben mir die letzten 10 Jahre gebracht: einen neuen Job, den ich wirklich liebe in einem Team, dem ich mich zugehörig fühle mit Kolleginnen, die ich sehr schätze und mag, denen ich vertraue, die mir Kraft geben und mich auch auffangen.

Die Heirat mit dem besten Mann der Welt und Umzug mit ihm in ein anderes Bundesland. Die Aufnahme eines entzückenden Entlebucher Sennenhundes in unser Leben, der mein Ein und Alles geworden ist (jaja, ich weiß, ich sagte immer, ich sei ein Katzenmensch, mittlerweilen bin ich beides geworden!).

Und jetzt merke ich, wie ich in den letzten Wochen sehr in der Vergangenheit behaftet bin, immer mehr darin versinke. Ich suche alte Schulfreunde, ehemalige Kollegen, Kindheitsfreunde, etc. im Internet, kontaktiere sie und freue mich riesig über Rückmeldungen! Ich möchte wissen, wie deren Leben verlaufen ist, was aus ihnen geworden ist, wohin es sie verschlagen hat. Gerne würde ich ausgesuchte Menschen wieder treffen, ihnen zuhören, sie ansehen und mich der Vergangenheit erfreuen.

Ab und zu möchte ich dadurch der Gegenwart entfliehen, möchte Worte, die ich mich nicht traute, zu sagen, endlich aussprechen, Diskussionen, die nie beendet wurden, fertigführen und Verletzungen und Kränkungen, die ich anderen zugefügt habe, lindern durch Entschuldigungen.

Gerade jetzt fiel mir ein, ich könnte eine Liste all derer Menschen machen, die ich gerne treffen würde aus meiner Vergangenheit. Uije, ich glaub, das lass ich bleiben. Ich hab zwar viel Papier daheim, aber ob das reichen würde? Ich merke, es sammelt sich viel an im Laufe eines Lebens. Manche Menschen verschwinden einfach, entgleiten einem und sind auf einmal weg, andere gewinnt man dazu und findet Freunde, wo man nie damit gerechnet hätte.

Hm, wenn ich mir meinen Beitrag jetzt grad mal so durchlesen, klingt das sehr nach Wehmut…..

Ich hab einfach zu viel zu sagen und zu viele Gedanken, die ich zu Papier bringen möchte, aber da schlaft ihr mir alle ein, das geht gar nicht 🙂

Nun denn, ich werde diesen chaotischen Blogbeitrag mal beenden, bevor ich noch mehr Mist zu Papier bringe 🙂

Bis demnächst, hoffentlich mit geordneteren Gedanken!

Eure verwirrte Christa

Müde….

Ich bin so müde, körperlich und geistig! Trotz 11 Stunden Schlaf schleppe ich mich heute durch die Gegend, jeder Schritt ist mühsam und anstrengend. Die Augen offenhalten ist heute eine wahre Herausforderung und die Schatten unter den Augen machen mich auch nicht unbedingt hübscher. Das schöne Chemo-Hautkolorit mit mächtig reduzierten Augenbrauen und fast durchsichtigen Wimpern pimpt mein Äußeres natürlich auch nicht grad auf. Ist immer fein, wenn einem die Kollegen über den Gang zurufen „OMG, wie schaust denn du aus, ist alles in Ordnung??“ Nein, ich könnte auf der Stelle einschlafen, gebt mir ein freies Bett, wo grad kein Patient drin liegt. „Aber natürlich geht’s mir gut, danke der Nachfrage, bin nur ein wenig schlapp heute!“ – Die Untertreibung des jungen Jahres!

Immer müder werde ich, mein Schlafbedürfnis hat sich in den letzten Wochen vervielfacht, kaum, dass ich es abends bis 19.00 Uhr schaffe, munter zu bleiben. Schlaf ist erholsam, das kann ich jetzt bestätigen, dennoch war heute die erste Nacht, wo ich wie gerädert aufgestanden bin.

Mein Hobby, das Häkeln und Stricken, wird vernachlässigt, da mir nach wenigen Maschen schon die Augen zufallen, die Arme schwer werden und die Konzentration gegen Null gesunken ist.

Habe gerade das Gefühl, mein Leben spielt sich nur noch im Rhythmus Arbeiten-Schlafen ab, alles andere daneben gibt es nicht mehr. Schade, denn mir fehlt meine Häkel- bzw. Strick-Erholung, auf die ich immer angewiesener bin. Ich verschlafe noch den kläglichen Rest meines Lebens!

Aber dafür habe ich keine Schmerzen, es geht mir körperlich eigentlich gut, lediglich die Psyche ist jetzt in der dunklen Jahreszeit ein wenig angekratzt und deformiert.

Und ja, ich bin es auch müde, seit 20.10.2016 Chemotherapie zu erhalten, das geht schon über 1 Jahr jetzt so und weiter und weiter und weiter,…… Trotzdem bin ich dankbar, dass ich die jetzige CHT so gut vertrage, sehr anstrengende Nebenwirkungen, die ich bei anderen CHT’s hatte, bleiben mir hier erspart. Also bin ich müde-dankbar, müde-demütig und müde-erschöpft….

 

Wenn Wunder geschehen….

Was ist ein Wunder für mich? Ein Wunder ist das, was heute geschehen ist!

Ich laufe nun mit meiner Diagnose seit 2008 herum, seit 2016 mit „Mietnomaden“ und bekomme seit 1 Jahr Chemotherapie.

In dieser Situation ist man sehr glücklich, wenn man bei der 3-monatigen Kontrolle hört, dass alles stillsteht, nichts Neues hinzugekommen ist oder gar noch schlimmer, dass sich die Lage verschlimmert hätte.

Man wird demütig, geduldig, wartet einfach den nächsten negativen Befund ab, man wird phlegmatisch und nimmts „leicht“, man hat ja eh damit gerechnet. Als palliative Patientin weiß man ja über seine Prognose Bescheid und dass die Chemo lediglich lebensverlängernd ist und für eine gute Lebensqualität sorgen soll. Man ist fast nicht mehr nervös, nur mehr ein klein wenig innerlich, das Umfeld kriegt es kaum mit.

Ich weiß nicht warum, aber diesmal hatte ich echt Angst, fast schon Panik, Albträume, Unkonzentriertheit und Nervosität sowie Reizbarkeit. Gott sei Dank fand ich den Mut, dies den Ärzten gegenüber zu äußern, sodass man für heute rasch die Kontrolle vorzog.

Durchfall, Übelkeit, Kreislaufprobleme, Appetitlosigkeit….. so ist es, wenn ich Angst habe und die hatte ich heute natürlich überhaupt. Da wird alles ausgeblendet, es zählt nur das Hier und Jetzt, kein morgen, kein Weihnachten, gar nix.

Dann endlich die Untersuchung, zack, rasch vorbei, alles gut gegangen. Wann darf ich anklopfen wegen der Diagnose? In 1 Stunde? Ist ok, ich lenke mich ab.

Tja, und dann mein ganz persönliches Weihnachtswunder: die Tür geht auf, mein Radiologe kommt mir entgegen. Er hält ein Blatt Papier in der Hand, auf das er einen Smiley gemalt hat und – er grinst über das ganze Gesicht! Er redet mit mir und ich höre nur „Rückgang der Pleurakarzinose“ und „die suspekten Lymphknoten sind auch ein wenig geschrumpft“!

Wie jetzt, WENIGER????? Schon über Stillstand wäre ich vor Freude im Quadrat gehüpft, aber DAMIT hatte ich nie gerechnet. Nie im Traum hätte ich damit gerechnet, dass die Metastasen kleiner werden können, das stand auch nie zur Debatte. Im günstigsten Fall war immer nur die Rede von „Stillstand“.

Und somit fiel ich dem Radiologen und hernach noch einigen Kollegen vor Freude und dann auch heulend um den Hals. Ich wäre fast mit dem liegenden Port-a-Cath nach Hause gefahren vor Freude.

Was aber auch noch wunderschön ist, ist, dass sich so viele Menschen mit mir gefreut haben! Das rührt mich und zeigt mir, dass auch mein Umfeld betroffen oder überrascht ist über meine Untersuchungen. Danke an euch alle!

Und jetzt suche ich mir einen guten Wein aus dem Kühlschrank aus und genieße ein Gläschen, ich stoße auf mich selbst an und am Dienstag geht der Kampf weiter mit der Chemo.

Ein gutes Gefühl…

Es ist ein gutes Gefühl, sich an einem heißen Urlaubstag duschen zu können.

Es ist ein gutes Gefühl, sich in seinem Körper wohl zu fühlen.

Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man einen gesicherten Job und ein geregeltes Einkommen hat.

Es ist ein gutes Gefühl, Schneeflocken nachzujagen und sich wie ein Kind zu fühlen.

Es ist aber auch ein gutes Gefühl, wenn man sozusagen „seine Angelegenheiten geregelt“ hat. Was ich damit meine? Ganz einfach: irgendwann…. wird es mich nicht mehr geben und ich bin beruhigt, jetzt „die Fronten“ geklärt zu haben. Ich habe geregelt, was ich mir wünsche, was wer macht und das beruhigt mich und gibt mir ein gutes Gefühl.

Leute, auch wenn ihr noch jung seid, denkt daran, ein Autounfall ist gleich geschehen oder der berühmte Stein am Schädel. Macht eine Liste, wer informiert werden soll, wer was bekommt und wen ihr worum bittet. Glaubt mir, es ist ein gutes Gefühl…..

 

Viel zu früh gegangen…

Irgendwie reisst es im Moment nicht ab…. Ich könne auf Facebook mein Titelbild permanent mit einer schwarzen Schleife bestücken, leider wäre dies fast durchgehend passend.

Was mich selbst betrifft, so habe ich noch nie die Frage nach dem „warum“ gestellt, doch wenn uns der Verlust von Freunden so unerwartet, plötzlich und unangekündigt trifft, dann steht diese Frage ganz groß im Raum.

Ich möchte nicht veröffentlichen, was genau passiert ist, ich möchte nur sagen, dass ich heute – für mich subjektiv aus dem Nichts heraus – erfahren habe, dass ein ganz, ganz lieber, warmherziger, mir wichtig gewordener Mensch im Alter von nur 49 Jahren sein Leben verloren hat. Nein, es war nicht Krebs, es war kein Unfall, es war ….. Schicksal? Warum müssen die Guten so zeitig gehen? Er war kein sehr enger Freund im eigentlichen Sinne, aber wir kannten uns schon mehr als 12 Jahre, so manche guten Gespräche gab es, man wird sich vertraut, wenn man sich lange kennt. Ich habe Unterstützung erfahren, wo ich sie nicht vermutet hatte. Erst eine Weile vor seinem Ableben konnten wir uns noch sehen und nichts hat darauf hingedeutet, ach, es ist so unfair!

Ich werde mich jetzt verkriechen gehen, kein Telefon heute mehr abheben, keine Nachrichten oder Beiträge heute mehr veröffentlichen oder kommentieren. Der heutige Abend gehört dem Verlust dieses Menschen, dessen Tod mich sehr tief getroffen hat. Und irgendwie hab ich mir heute schon mehrfach gedacht, dass es schade ist, dass die Verstorbenen nie mehr miterleben können, wie sehr jemand um sie trauert, wie sehr ihr Verlust schmerzt und wie groß die Lücke ist, die sie hinterlassen.

Zeit miteinander verbringen

Ich habe erst neulich etwas zugeschickt bekommen, in dem es darum ging, dass einen die Kinder, Ehemänner, Familie, etc. im Laufe des Lebens alleine lassen können aus den unterschiedlichsten Gründen, aber Freunde sollten bleiben bis zum Ende.

Auch habe ich immer wieder erlebt, dass sich Freunde herauskristallisieren, von denen man dies nie erwartet hätte. Andere machen sich aus dem Staub, mal lauter, mal leiser, dies kann weh tun, oder nicht.

Aber von den Freunden, die man hat, sollte man sich nicht abwenden, sondern sich diesen zuwenden, man hat nur diese einen, die sich ins Herz gestohlen haben.

Und es gibt Freunde, die eher Schicksalsgefährten sind, aber dennoch sehr wichtig geworden sind. Und von einem Mix all dieser Freundschaften – und ich gehe davon aus, dass sie es tief innen sind bzw. geworden sind – möchte ich ganz kurz einen Denkanstoß weitergeben.

Nur soviel dazu: da sitz ich auf der Couch, wohl wissend, dass dieser Freund ebenso wie ich kämpft, nur sind es bei ihm andere Zelltypen. So wie ich lächelt er meistens. So wie ich gehen wir von einer Endlichkeit aus, die dennoch die HOffnung auf Überleben in sich trägt. Also, ich sitz auf der Couch und erhalte eine SMS von ihm, dass ihm nun keine Therapieoptionen mehr zur Verfügung stehen, nur mehr Schmerztherapie. Er bringt jetzt seine Sachen ins Reine. Stonk, ein Schlag in meine Magengrube.

Ich werde mir nächste Woche frei nehmen, einen Urlaubstag, wenn möglich vom Job her und mich bei mir mit ihm zusammensetzen. Am meisten freue ich mich auf das gemeinsame Schweigen. Ja, klingt komisch, aber in unserer Situation ist oft Schweigen das einzig Heilsame, Wohltuende. Wir brauchen keine beschönigenden Worte, wir brauchen keine Aufmunterung, auch Zuspruch ist fehl am Platz. Was wir brauchen, ist ein Gemeinsam. Berichten, wie es soweit kam, nur die Tatsachen, Realitäten. Und es wird gut sein.

Dennoch tut es weh!