Palliativ und IDDM – geht das denn?

Klare Antwort: ja, es geht! Palliative Therapie, also nur mehr lebensverlängernd und -qualitätserhaltend UND insulinpflichtiger Diabetes mell. Typ II ist ne Herausforderung, aber – alles ist möglich!

Mein Kopf kann es sich also täglich aussuchen: mache ich mir heute mal Sorgen um die Chemotherapie, die lebenslang fortgesetzt werden muss, oder mach ich mir heute Sorgen, weil ich gestern Nacht nen Hypo hatte und heute erschreckend hohe Werte?

Hm, wie soll man sich da entscheiden? Gar nicht, denn Frauen sind sowieso multitaskingfähig und demzufolge klappt das alles hervorragend! Je nach Lust und Laune, also, ob man depressiv oder motiviert sein möchte, kann man es sich also aussuchen.

Und wisst ihr was? IDDM zu sein macht direkt Spaß, es ist ne Herausforderung, den BZ im Griff zu haben. Und solange die CHT wirkt, brauch‘ ma uns auch keine Sorgen zu machen!

Deshalb mein heutiges Motto: ran an die Kohlehydrate! 🙂

Einfach mal darüber reden!

Manche von euch werden sich denken, dass ich mit meiner Erkrankung nicht so an die Öffentlichkeit gehen sollte und nicht darüber bloggen, andere wiederum bestärken mich darin durch PN’s oder Mails. Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann…

Aber heute werde ich bloggen!

Der Anlass ist schön und traurig zugleich. Vor vielen Jahren, ich glaube, es sind sogar schon 10 oder 11 Jahre, hatte ich einen Kollegen, der damals auch schon vom Schicksal gebeutelt war. Mit den Jahren verloren wir uns aus den Augen, um uns in FB wieder zu „treffen“. Mittlerweilen sind wir beide durch Krebs betroffen und haben Prognosen, die uns die Endlichkeit erahnen lassen.

Heute hat sich kurzfristig die Gelegenheit auf einen gemeinsamen Kaffee ergeben und ich muss sagen, dass mir alle Gespräche mit Nicht-Betroffenen im letzten Jahr nicht soviel so viel Auftrieb, Fröhlichkeit und Akzeptanz gebracht haben, wie die 45 min., die wir geratscht haben. Sorry, friends!

Nur ein Betroffener, ein Gleichgesinnter, ein Leidensgenosse, wie man auch immer sagen möchte, versteht und TEILT meine Gedanken über Schmerzen, Therapie, Gewicht, Bestrahlung, Chemo, Haarverlust, Appetitlosigkeit, Prognose, Ängste, Galgenhumor, sozialen Rückzug, Verdrängung, Aggression, Hoffnungslosigkeit, Demut, Dankbarkeit und Endlichkeit.

Wozu brauch ich meine Psychologin, wenn ich doch Gleichgesinnte habe! Das ist ähnlich, wie wenn sich zwei fachkompetente Spezialisten treffen und fachsimpeln, nur die zwei wissen wirklich, wovon sie reden und sind happy, endlich richtige Gesprächspartner zu haben. Genau so ging es uns!

Mein Freund, der du das heute sicher lesen wirst, es hat mich sehr gefreut und schreit eindeutig nach Wiederholung! Danke für die schöne Zeit, ich habe es sehr genossen!

10 Jahre später….

Zuerst mal gleich: es geht mir gut! Ich bin nur grad ein bisschen nostalgisch….. Vielleicht, weil mir heute Fragen gestellt wurden, deren Antwort ich kenne, die ich jedoch gerne verdränge. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal.

Was hat sich seit 10.10.2008, dem Datum der Erstdiagnose, verändert. Tja, was hat sich wirklich verändert? Alles! Mein ganzes Leben! Oft frage ich mich, wo ich heute wäre, wenn dies alles nicht passiert wäre. Missversteht mich nicht, ich möchte die Zeit nicht zurückdrehen, keinesfalls, ich finde, dass mich die letzten 10 Jahre reich an Erfahrung und vielen anderen Dingen gemacht hat. Nein, ich möchte meine Erkrankung auch nicht missen. Aber – Anmerkung – waren die Metastasen denn wirklich nötig? Naja, darauf werde ich logischerweise keine Antwort bekommen.

Aber ich verzettel mich schon wieder. Was haben mir die letzten 10 Jahre gebracht: einen neuen Job, den ich wirklich liebe in einem Team, dem ich mich zugehörig fühle mit Kolleginnen, die ich sehr schätze und mag, denen ich vertraue, die mir Kraft geben und mich auch auffangen.

Die Heirat mit dem besten Mann der Welt und Umzug mit ihm in ein anderes Bundesland. Die Aufnahme eines entzückenden Entlebucher Sennenhundes in unser Leben, der mein Ein und Alles geworden ist (jaja, ich weiß, ich sagte immer, ich sei ein Katzenmensch, mittlerweilen bin ich beides geworden!).

Und jetzt merke ich, wie ich in den letzten Wochen sehr in der Vergangenheit behaftet bin, immer mehr darin versinke. Ich suche alte Schulfreunde, ehemalige Kollegen, Kindheitsfreunde, etc. im Internet, kontaktiere sie und freue mich riesig über Rückmeldungen! Ich möchte wissen, wie deren Leben verlaufen ist, was aus ihnen geworden ist, wohin es sie verschlagen hat. Gerne würde ich ausgesuchte Menschen wieder treffen, ihnen zuhören, sie ansehen und mich der Vergangenheit erfreuen.

Ab und zu möchte ich dadurch der Gegenwart entfliehen, möchte Worte, die ich mich nicht traute, zu sagen, endlich aussprechen, Diskussionen, die nie beendet wurden, fertigführen und Verletzungen und Kränkungen, die ich anderen zugefügt habe, lindern durch Entschuldigungen.

Gerade jetzt fiel mir ein, ich könnte eine Liste all derer Menschen machen, die ich gerne treffen würde aus meiner Vergangenheit. Uije, ich glaub, das lass ich bleiben. Ich hab zwar viel Papier daheim, aber ob das reichen würde? Ich merke, es sammelt sich viel an im Laufe eines Lebens. Manche Menschen verschwinden einfach, entgleiten einem und sind auf einmal weg, andere gewinnt man dazu und findet Freunde, wo man nie damit gerechnet hätte.

Hm, wenn ich mir meinen Beitrag jetzt grad mal so durchlesen, klingt das sehr nach Wehmut…..

Ich hab einfach zu viel zu sagen und zu viele Gedanken, die ich zu Papier bringen möchte, aber da schlaft ihr mir alle ein, das geht gar nicht 🙂

Nun denn, ich werde diesen chaotischen Blogbeitrag mal beenden, bevor ich noch mehr Mist zu Papier bringe 🙂

Bis demnächst, hoffentlich mit geordneteren Gedanken!

Eure verwirrte Christa

Müde….

Ich bin so müde, körperlich und geistig! Trotz 11 Stunden Schlaf schleppe ich mich heute durch die Gegend, jeder Schritt ist mühsam und anstrengend. Die Augen offenhalten ist heute eine wahre Herausforderung und die Schatten unter den Augen machen mich auch nicht unbedingt hübscher. Das schöne Chemo-Hautkolorit mit mächtig reduzierten Augenbrauen und fast durchsichtigen Wimpern pimpt mein Äußeres natürlich auch nicht grad auf. Ist immer fein, wenn einem die Kollegen über den Gang zurufen „OMG, wie schaust denn du aus, ist alles in Ordnung??“ Nein, ich könnte auf der Stelle einschlafen, gebt mir ein freies Bett, wo grad kein Patient drin liegt. „Aber natürlich geht’s mir gut, danke der Nachfrage, bin nur ein wenig schlapp heute!“ – Die Untertreibung des jungen Jahres!

Immer müder werde ich, mein Schlafbedürfnis hat sich in den letzten Wochen vervielfacht, kaum, dass ich es abends bis 19.00 Uhr schaffe, munter zu bleiben. Schlaf ist erholsam, das kann ich jetzt bestätigen, dennoch war heute die erste Nacht, wo ich wie gerädert aufgestanden bin.

Mein Hobby, das Häkeln und Stricken, wird vernachlässigt, da mir nach wenigen Maschen schon die Augen zufallen, die Arme schwer werden und die Konzentration gegen Null gesunken ist.

Habe gerade das Gefühl, mein Leben spielt sich nur noch im Rhythmus Arbeiten-Schlafen ab, alles andere daneben gibt es nicht mehr. Schade, denn mir fehlt meine Häkel- bzw. Strick-Erholung, auf die ich immer angewiesener bin. Ich verschlafe noch den kläglichen Rest meines Lebens!

Aber dafür habe ich keine Schmerzen, es geht mir körperlich eigentlich gut, lediglich die Psyche ist jetzt in der dunklen Jahreszeit ein wenig angekratzt und deformiert.

Und ja, ich bin es auch müde, seit 20.10.2016 Chemotherapie zu erhalten, das geht schon über 1 Jahr jetzt so und weiter und weiter und weiter,…… Trotzdem bin ich dankbar, dass ich die jetzige CHT so gut vertrage, sehr anstrengende Nebenwirkungen, die ich bei anderen CHT’s hatte, bleiben mir hier erspart. Also bin ich müde-dankbar, müde-demütig und müde-erschöpft….

 

Ich versuche zu lesen bitte…

Heute kommt mal nichts Hochgeistiges, sondern einfach ein bissi „Grant“ rüber. Ich möcht ja nicht behaupten, dass ich die Zeit, während der die Chemo reinrinnt, genieße, aber es kommt doch knapp dran heran. Das ist Zeit, die ich mit einem guten Buch am Kindle verbringen kann (könnte).

Jetzt stell ich mal in den Raum: wenn ihr einen Menschen vor/neben euch seht, der offensichtlich tief in ein Buch verstrickt ist und mit hoher Konzentration liest, würdet ihr den im Minutentakt ansprechen mit „Tschuldigung, aber eine Frage habe ich noch….“? Würdet ihr das tun, wenn ihr dann knappe Antworten wie „ja“ oder „nein“ erhaltet und der Mensch nach der knappen Antwort sofort wieder seine Nase in sein Buch steckt? Würdet ihr echt noch weiter stören? Also ich würde das nicht tun…

Aaaaber, es gibt offenbar doch noch Menschen ohne Empathie…. Soviel zu meiner heutigen Chemozeit. *groll* *grummel*

Ich und Ich

 

Heute möchte ich euch versuchen, zu erklären, was es auf sich hat mit meinem Ich. Dabei ist das gar nicht so einfach, denn ich habe festgestellt, es gibt mehrere Ich’s. Nein, nein, ich bin kein Fall für eine psychiatrische Anamnese oder so. Ok, ich glaube, das muss ich ausführen…

Da gibt’s einmal das eine Ich: Christa, mittlerweilen 47 Jahre jung, von harmonischer Natur, schon ein wenig gedämpft über die Jahre, jedoch grundsätzlich noch immer ich selbst. Ich gehe seit vielen Jahren arbeiten, gestalte meine Freizeit gerne gemütlich und finde nichts dabei, mich vom Leben weitertragen zu lassen. Ich fühle mich kerngesund, ein wenig übergewichtig, doch der Verlust von ein paar Kilos motiviert mich gerade. Sport ist nichts für mich und patschert bin ich auch, also keine gute Kombination. Aber ich fühle mich toll und lebe einfach weiter, zukunftsorientiert und optimistisch.

Und dann, dann gibt’s das andere Ich: die Christa, die genauso alt ist, jedoch deren Psyche sich immer mehr weigert, zu verstehen und zu akzeptieren, dass ich alle 3 Wochen für die Dauer der CHT-Nebenwirkungen ausgeknockt bin. Schwach, zittrig, klapprig, ängstlich, auch nur wenige Meter zu gehen wegen der Anstrengung und der Angst vor einem Sturz. Körperlich angegriffen durch Schmerzen, Schweißausbrüche, den Verlust des Geschmacks, einer leichten Übelkeit und überhaupt und außerdem mies beinand. Gedanken über schlechte Prognosen, Zukunftsverlust, Resignation und einfach nur „Mann, geht’s mir sch….“

Das ist doch irgendwie paranoid, oder? Zwei komplett verschiedene Leben in einem Körper, gesund und chron. krank, positiv und depremiert, zukunftsorientiert und verloren. Wie soll ich dem gesunden Geist erklären, dass der Körper eigentlich chron. krank ist und die Prognose nicht so prickelnd? Wie soll ich dem einen Ich in der Zeit ohne Nebenwirkungen erklären, dass das andere Ich nur darauf lauert, wieder für ein paar Tage die Oberhand zu gewinnen?

Irgendwann irgendwie….

No name vs. VIP/Promi

Was ist ein VIP? Ein VIP ist eine very important person, also eine Person, der aufgrund ihres sozialen Status‘ besondere Privilegien oder Bedeutung beigemessen werden.

Was ist ein Promi? Ein Promi ist jemand, der eine gewisse Bekanntheit in der Gesellschaft hat, warum auch immer.

Was haben diese beiden nun gemeinsam? Man kennt sie aus den Medien, Wirtschaft, Kunst, Kultur, woher auch immer und wer auch immer sie sind. Man spricht über sie, schreibt über sie, freut sich mit ihnen, wenn sie z.B. Nachwuchs bekommen, beneidet sie um ihren Reichtum, leidet mit ihnen, wenn sie von einem Schicksalsschlag getroffen werden und betrauert sie, wenn sie versterben. Nun ja, so oder ein wenig anders dürfte das sein.

Was ist nun aber ein No name? No – kein, name – Name. Kein Name? Wer oder was ist kein Name? Das ist ganz einfach, das sind die restlichen Milliarden von Menschen, die eben kein VIP oder Promi sind.

Das ist die 87-jährige Mindestrentnerin von nebenan, die bereits dement ist und schlecht hört, wer weiß, ob sie in ein Pflegeheim kommen wird oder daheim versterben, bei einem No name ist das doch nicht so wichtig, oder?

Das ist der 16-jährige Drogensüchtige, der mittlerweilen obdachlos ist und nur mehr kurz vor dem goldenen Schuss steht, der irgendwann im Resselpark tot auf einer Toilette gefunden wird, aber egal, ist doch nur ein No name, oder?

Das ist die 43-jährige Arbeitskollegin, die nach außen hin gute Miene zum bösen Spiel ihres Exmannes, welcher Alkoholiker ist und die Familie verprügelt, macht, und innerlich um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder fürchtet, sich aber niemandem anvertrauen kann, denn sie kennt niemand. Ist ein No name, kennt keine No names.

Aber Achtung, das ist alles unwichtig, denn in diese nichtssagenden News hinein berichten die Medien doch gerade, dass sich die jugendliche berühmte Opernsängerin XY einer kleinen Operation unterziehen musste. Sie hat Krebs, oder? Sicher hat sie Krebs, die kriegt doch sicher gleich eine Chemo, oder? Was, nein, wirklich, sie hat DAS überlebt? Oh mein Gott, was für eine Heldin, eine Märtyrerin, eine wahrhaft Gesegnete, eine Überlebende! Tagelang geistert dies und vieles andere durch die Medien, das MUSS man doch miterleben, hier muss man doch Wunder beobachten dürfen und Wiederauferstehungen.

Aber wie ist das mit No name?

No name-Mindestrentnerin kam in ein Pflegeheim und verstarb dort friedlich eines natürlichen Todes – mediales Trauern? Natürlich nicht.

No name-Drogensüchtiger kratzte die Kurve und arbeitet heute als Pflegehelfer in einem Krankenhaus – mediale Wiederauferstehung? Natürlich nicht.

No name-Arbeitskollegin mit prügelndem Alkoholiker daheim flüchtete in eine Frauenhaus mit ihren Kinder und wird seitdem gestalkt von ihrem Mann – mediales Mitgefühl? Natürlich nicht.

Warum ich dies übrigens alles anführe? Weil mich als No Name seit Jahren etwas böse aufstößt, kränkt, ärgert, aggressiv macht und hilflos.

Wenn No name eine Erkrankung, Verletzung oder Vergiftung hat, die zu langem Leiden oder gar dem Tode führt, dann kräht kein Hahn am Mist danach. Der Betroffene und sein Umfeld bleiben alleine mit absolut ALLEM. Dem Leiden, der Einsamkeit, den Schmerzen, dem Tod und der Trauer.

Und No name ist sprach- und machtlos über die mediale Aufmerksamkeit, die man den betroffenen VIP’s/Promis zuteile haben lässt, wenn diese das gleiche Schicksal erleiden. Oh wie arm, oh wie krank, oh wie…

Würde jemals in der Zeitung stehen, dass „No name“ verstorben ist? Lange gelitten hat und einsam war? NEIN! Dies degradiert No name-Menschen, macht sie zu Luft, zu einem Niemand, zu unnütz gelebten Leben, zu Nummern, Namen und Patientenakten, die irgendwann in einem Archiv verstauben.

Dies kann und will ich nicht akzeptieren, aber wie ich aus eigener Erfahrung weiß, würgt VIP/Promi mich No name-Menschen beim Versuch, etwas zu ändern, aufzuzeigen, Gleichberechtigung zu schaffen einfach ab.

Deshalb geht No name-ich davon aus, dass dies eh niemand lesen wird, denn ich bin ein No name!