An alle Engel da draußen…

Der Mensch glaubt, aber woran? Jedenfalls ich glaube an eine höhere Macht, an jemanden, der im Leben die Fäden zieht, sodass ich dort gelandet bin, wo ich hätte landen sollen. Und ich glaube, dass dies auch bei anderen Menschen so ist. Wieso sonst hätten wir soviele Engel? Ich glaube, dass jeder Mensch eine Bestimmung hat und wenn diese erfüllt ist, muss er gehen, egal wie jung, egal wie gesund oder krank. Und niemand bekommt mehr aufgebürdet, als er tragen kann.

Machen mich all die zwei- und vierbeinigen Engel traurig? Ja, denn sie hinterlassen Lücken, die nicht zu füllen sind. Wobei meine Einstellung ist, dass diejenigen, die Engel sind, es am besten haben, denn sie haben es hinter sich, lediglich die Hinterbliebenen leiden  und trauern.

An alle Engel da draußen, ich verstehe nicht, warum ihr so früh gehen musstet, aber ich akzeptiere es und nehme es an. Nein, ich glaube nicht an Engel, ich weiß, dass mit dem Tod alles vorüber ist, aber dennoch tut der Gedanke, dass ihr alle in einer besseren Welt seid, gut. Wünscht man sich das nicht für sich selbst auch? Dass das Leiden, welches irgendwann unweigerlich beginnt, ein Ende haben möge und man erlöst ist von all den Sorgen, Schmerzen und dem Warten auf das Ende?

Nein, ich bin heute nicht depressiver als sonst, lediglich ein wenig melancholisch und nachdenklich. Oft frage ich mich, was denn meine Bestimmung, meine Aufgabe sei und wann ich sie erfüllt habe, aber dies weiß niemand. Weh tut es nur, wenn Menschen, die man ins Herz geschlossen hat, gehen müssen. Wäre es da nicht am besten, keine Freundschaften zu schließen, denn dann muss man nicht trauern? Nein, denn Freundschaften, vor allem unter Gleichgesinnten, sind wichtig, sehr wichtig sogar. Wichtig für die Psyche, die Lebensfreude und die Hoffnung.

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber ab und zu frage ich mich, wozu es die Spezies Mensch überhaupt gibt. Warum bzw. wofür existieren wir? Welche Aufgaben haben wir, warum sind wir so wie wir sind? Aber das geht ins Unendliche, ganze Bücher könnte man nur mit solchen Gedanken schreiben.

Und nachdem ich heute, an diesem schönen Sonntag, ebenso wenig wie an allen anderen Tagen meines Lebens, keine Antwort finden werde, mache ich das, was ich immer mache. Mein Leben, so klein und überschaubar es auch ist, weiterleben.

Einfach mal darüber reden!

Manche von euch werden sich denken, dass ich mit meiner Erkrankung nicht so an die Öffentlichkeit gehen sollte und nicht darüber bloggen, andere wiederum bestärken mich darin durch PN’s oder Mails. Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann…

Aber heute werde ich bloggen!

Der Anlass ist schön und traurig zugleich. Vor vielen Jahren, ich glaube, es sind sogar schon 10 oder 11 Jahre, hatte ich einen Kollegen, der damals auch schon vom Schicksal gebeutelt war. Mit den Jahren verloren wir uns aus den Augen, um uns in FB wieder zu „treffen“. Mittlerweilen sind wir beide durch Krebs betroffen und haben Prognosen, die uns die Endlichkeit erahnen lassen.

Heute hat sich kurzfristig die Gelegenheit auf einen gemeinsamen Kaffee ergeben und ich muss sagen, dass mir alle Gespräche mit Nicht-Betroffenen im letzten Jahr nicht soviel so viel Auftrieb, Fröhlichkeit und Akzeptanz gebracht haben, wie die 45 min., die wir geratscht haben. Sorry, friends!

Nur ein Betroffener, ein Gleichgesinnter, ein Leidensgenosse, wie man auch immer sagen möchte, versteht und TEILT meine Gedanken über Schmerzen, Therapie, Gewicht, Bestrahlung, Chemo, Haarverlust, Appetitlosigkeit, Prognose, Ängste, Galgenhumor, sozialen Rückzug, Verdrängung, Aggression, Hoffnungslosigkeit, Demut, Dankbarkeit und Endlichkeit.

Wozu brauch ich meine Psychologin, wenn ich doch Gleichgesinnte habe! Das ist ähnlich, wie wenn sich zwei fachkompetente Spezialisten treffen und fachsimpeln, nur die zwei wissen wirklich, wovon sie reden und sind happy, endlich richtige Gesprächspartner zu haben. Genau so ging es uns!

Mein Freund, der du das heute sicher lesen wirst, es hat mich sehr gefreut und schreit eindeutig nach Wiederholung! Danke für die schöne Zeit, ich habe es sehr genossen!

10 Jahre später….

Zuerst mal gleich: es geht mir gut! Ich bin nur grad ein bisschen nostalgisch….. Vielleicht, weil mir heute Fragen gestellt wurden, deren Antwort ich kenne, die ich jedoch gerne verdränge. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal.

Was hat sich seit 10.10.2008, dem Datum der Erstdiagnose, verändert. Tja, was hat sich wirklich verändert? Alles! Mein ganzes Leben! Oft frage ich mich, wo ich heute wäre, wenn dies alles nicht passiert wäre. Missversteht mich nicht, ich möchte die Zeit nicht zurückdrehen, keinesfalls, ich finde, dass mich die letzten 10 Jahre reich an Erfahrung und vielen anderen Dingen gemacht hat. Nein, ich möchte meine Erkrankung auch nicht missen. Aber – Anmerkung – waren die Metastasen denn wirklich nötig? Naja, darauf werde ich logischerweise keine Antwort bekommen.

Aber ich verzettel mich schon wieder. Was haben mir die letzten 10 Jahre gebracht: einen neuen Job, den ich wirklich liebe in einem Team, dem ich mich zugehörig fühle mit Kolleginnen, die ich sehr schätze und mag, denen ich vertraue, die mir Kraft geben und mich auch auffangen.

Die Heirat mit dem besten Mann der Welt und Umzug mit ihm in ein anderes Bundesland. Die Aufnahme eines entzückenden Entlebucher Sennenhundes in unser Leben, der mein Ein und Alles geworden ist (jaja, ich weiß, ich sagte immer, ich sei ein Katzenmensch, mittlerweilen bin ich beides geworden!).

Und jetzt merke ich, wie ich in den letzten Wochen sehr in der Vergangenheit behaftet bin, immer mehr darin versinke. Ich suche alte Schulfreunde, ehemalige Kollegen, Kindheitsfreunde, etc. im Internet, kontaktiere sie und freue mich riesig über Rückmeldungen! Ich möchte wissen, wie deren Leben verlaufen ist, was aus ihnen geworden ist, wohin es sie verschlagen hat. Gerne würde ich ausgesuchte Menschen wieder treffen, ihnen zuhören, sie ansehen und mich der Vergangenheit erfreuen.

Ab und zu möchte ich dadurch der Gegenwart entfliehen, möchte Worte, die ich mich nicht traute, zu sagen, endlich aussprechen, Diskussionen, die nie beendet wurden, fertigführen und Verletzungen und Kränkungen, die ich anderen zugefügt habe, lindern durch Entschuldigungen.

Gerade jetzt fiel mir ein, ich könnte eine Liste all derer Menschen machen, die ich gerne treffen würde aus meiner Vergangenheit. Uije, ich glaub, das lass ich bleiben. Ich hab zwar viel Papier daheim, aber ob das reichen würde? Ich merke, es sammelt sich viel an im Laufe eines Lebens. Manche Menschen verschwinden einfach, entgleiten einem und sind auf einmal weg, andere gewinnt man dazu und findet Freunde, wo man nie damit gerechnet hätte.

Hm, wenn ich mir meinen Beitrag jetzt grad mal so durchlesen, klingt das sehr nach Wehmut…..

Ich hab einfach zu viel zu sagen und zu viele Gedanken, die ich zu Papier bringen möchte, aber da schlaft ihr mir alle ein, das geht gar nicht 🙂

Nun denn, ich werde diesen chaotischen Blogbeitrag mal beenden, bevor ich noch mehr Mist zu Papier bringe 🙂

Bis demnächst, hoffentlich mit geordneteren Gedanken!

Eure verwirrte Christa