Palliativ und IDDM – geht das denn?

Klare Antwort: ja, es geht! Palliative Therapie, also nur mehr lebensverlängernd und -qualitätserhaltend UND insulinpflichtiger Diabetes mell. Typ II ist ne Herausforderung, aber – alles ist möglich!

Mein Kopf kann es sich also täglich aussuchen: mache ich mir heute mal Sorgen um die Chemotherapie, die lebenslang fortgesetzt werden muss, oder mach ich mir heute Sorgen, weil ich gestern Nacht nen Hypo hatte und heute erschreckend hohe Werte?

Hm, wie soll man sich da entscheiden? Gar nicht, denn Frauen sind sowieso multitaskingfähig und demzufolge klappt das alles hervorragend! Je nach Lust und Laune, also, ob man depressiv oder motiviert sein möchte, kann man es sich also aussuchen.

Und wisst ihr was? IDDM zu sein macht direkt Spaß, es ist ne Herausforderung, den BZ im Griff zu haben. Und solange die CHT wirkt, brauch‘ ma uns auch keine Sorgen zu machen!

Deshalb mein heutiges Motto: ran an die Kohlehydrate! 🙂

Ich versuche zu lesen bitte…

Heute kommt mal nichts Hochgeistiges, sondern einfach ein bissi „Grant“ rüber. Ich möcht ja nicht behaupten, dass ich die Zeit, während der die Chemo reinrinnt, genieße, aber es kommt doch knapp dran heran. Das ist Zeit, die ich mit einem guten Buch am Kindle verbringen kann (könnte).

Jetzt stell ich mal in den Raum: wenn ihr einen Menschen vor/neben euch seht, der offensichtlich tief in ein Buch verstrickt ist und mit hoher Konzentration liest, würdet ihr den im Minutentakt ansprechen mit „Tschuldigung, aber eine Frage habe ich noch….“? Würdet ihr das tun, wenn ihr dann knappe Antworten wie „ja“ oder „nein“ erhaltet und der Mensch nach der knappen Antwort sofort wieder seine Nase in sein Buch steckt? Würdet ihr echt noch weiter stören? Also ich würde das nicht tun…

Aaaaber, es gibt offenbar doch noch Menschen ohne Empathie…. Soviel zu meiner heutigen Chemozeit. *groll* *grummel*

Ich und Ich

 

Heute möchte ich euch versuchen, zu erklären, was es auf sich hat mit meinem Ich. Dabei ist das gar nicht so einfach, denn ich habe festgestellt, es gibt mehrere Ich’s. Nein, nein, ich bin kein Fall für eine psychiatrische Anamnese oder so. Ok, ich glaube, das muss ich ausführen…

Da gibt’s einmal das eine Ich: Christa, mittlerweilen 47 Jahre jung, von harmonischer Natur, schon ein wenig gedämpft über die Jahre, jedoch grundsätzlich noch immer ich selbst. Ich gehe seit vielen Jahren arbeiten, gestalte meine Freizeit gerne gemütlich und finde nichts dabei, mich vom Leben weitertragen zu lassen. Ich fühle mich kerngesund, ein wenig übergewichtig, doch der Verlust von ein paar Kilos motiviert mich gerade. Sport ist nichts für mich und patschert bin ich auch, also keine gute Kombination. Aber ich fühle mich toll und lebe einfach weiter, zukunftsorientiert und optimistisch.

Und dann, dann gibt’s das andere Ich: die Christa, die genauso alt ist, jedoch deren Psyche sich immer mehr weigert, zu verstehen und zu akzeptieren, dass ich alle 3 Wochen für die Dauer der CHT-Nebenwirkungen ausgeknockt bin. Schwach, zittrig, klapprig, ängstlich, auch nur wenige Meter zu gehen wegen der Anstrengung und der Angst vor einem Sturz. Körperlich angegriffen durch Schmerzen, Schweißausbrüche, den Verlust des Geschmacks, einer leichten Übelkeit und überhaupt und außerdem mies beinand. Gedanken über schlechte Prognosen, Zukunftsverlust, Resignation und einfach nur „Mann, geht’s mir sch….“

Das ist doch irgendwie paranoid, oder? Zwei komplett verschiedene Leben in einem Körper, gesund und chron. krank, positiv und depremiert, zukunftsorientiert und verloren. Wie soll ich dem gesunden Geist erklären, dass der Körper eigentlich chron. krank ist und die Prognose nicht so prickelnd? Wie soll ich dem einen Ich in der Zeit ohne Nebenwirkungen erklären, dass das andere Ich nur darauf lauert, wieder für ein paar Tage die Oberhand zu gewinnen?

Irgendwann irgendwie….

No name vs. VIP/Promi

Was ist ein VIP? Ein VIP ist eine very important person, also eine Person, der aufgrund ihres sozialen Status‘ besondere Privilegien oder Bedeutung beigemessen werden.

Was ist ein Promi? Ein Promi ist jemand, der eine gewisse Bekanntheit in der Gesellschaft hat, warum auch immer.

Was haben diese beiden nun gemeinsam? Man kennt sie aus den Medien, Wirtschaft, Kunst, Kultur, woher auch immer und wer auch immer sie sind. Man spricht über sie, schreibt über sie, freut sich mit ihnen, wenn sie z.B. Nachwuchs bekommen, beneidet sie um ihren Reichtum, leidet mit ihnen, wenn sie von einem Schicksalsschlag getroffen werden und betrauert sie, wenn sie versterben. Nun ja, so oder ein wenig anders dürfte das sein.

Was ist nun aber ein No name? No – kein, name – Name. Kein Name? Wer oder was ist kein Name? Das ist ganz einfach, das sind die restlichen Milliarden von Menschen, die eben kein VIP oder Promi sind.

Das ist die 87-jährige Mindestrentnerin von nebenan, die bereits dement ist und schlecht hört, wer weiß, ob sie in ein Pflegeheim kommen wird oder daheim versterben, bei einem No name ist das doch nicht so wichtig, oder?

Das ist der 16-jährige Drogensüchtige, der mittlerweilen obdachlos ist und nur mehr kurz vor dem goldenen Schuss steht, der irgendwann im Resselpark tot auf einer Toilette gefunden wird, aber egal, ist doch nur ein No name, oder?

Das ist die 43-jährige Arbeitskollegin, die nach außen hin gute Miene zum bösen Spiel ihres Exmannes, welcher Alkoholiker ist und die Familie verprügelt, macht, und innerlich um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder fürchtet, sich aber niemandem anvertrauen kann, denn sie kennt niemand. Ist ein No name, kennt keine No names.

Aber Achtung, das ist alles unwichtig, denn in diese nichtssagenden News hinein berichten die Medien doch gerade, dass sich die jugendliche berühmte Opernsängerin XY einer kleinen Operation unterziehen musste. Sie hat Krebs, oder? Sicher hat sie Krebs, die kriegt doch sicher gleich eine Chemo, oder? Was, nein, wirklich, sie hat DAS überlebt? Oh mein Gott, was für eine Heldin, eine Märtyrerin, eine wahrhaft Gesegnete, eine Überlebende! Tagelang geistert dies und vieles andere durch die Medien, das MUSS man doch miterleben, hier muss man doch Wunder beobachten dürfen und Wiederauferstehungen.

Aber wie ist das mit No name?

No name-Mindestrentnerin kam in ein Pflegeheim und verstarb dort friedlich eines natürlichen Todes – mediales Trauern? Natürlich nicht.

No name-Drogensüchtiger kratzte die Kurve und arbeitet heute als Pflegehelfer in einem Krankenhaus – mediale Wiederauferstehung? Natürlich nicht.

No name-Arbeitskollegin mit prügelndem Alkoholiker daheim flüchtete in eine Frauenhaus mit ihren Kinder und wird seitdem gestalkt von ihrem Mann – mediales Mitgefühl? Natürlich nicht.

Warum ich dies übrigens alles anführe? Weil mich als No Name seit Jahren etwas böse aufstößt, kränkt, ärgert, aggressiv macht und hilflos.

Wenn No name eine Erkrankung, Verletzung oder Vergiftung hat, die zu langem Leiden oder gar dem Tode führt, dann kräht kein Hahn am Mist danach. Der Betroffene und sein Umfeld bleiben alleine mit absolut ALLEM. Dem Leiden, der Einsamkeit, den Schmerzen, dem Tod und der Trauer.

Und No name ist sprach- und machtlos über die mediale Aufmerksamkeit, die man den betroffenen VIP’s/Promis zuteile haben lässt, wenn diese das gleiche Schicksal erleiden. Oh wie arm, oh wie krank, oh wie…

Würde jemals in der Zeitung stehen, dass „No name“ verstorben ist? Lange gelitten hat und einsam war? NEIN! Dies degradiert No name-Menschen, macht sie zu Luft, zu einem Niemand, zu unnütz gelebten Leben, zu Nummern, Namen und Patientenakten, die irgendwann in einem Archiv verstauben.

Dies kann und will ich nicht akzeptieren, aber wie ich aus eigener Erfahrung weiß, würgt VIP/Promi mich No name-Menschen beim Versuch, etwas zu ändern, aufzuzeigen, Gleichberechtigung zu schaffen einfach ab.

Deshalb geht No name-ich davon aus, dass dies eh niemand lesen wird, denn ich bin ein No name!

 

Warum gehst du arbeiten??

Tja, warum geht man arbeiten? Ich weiß nicht, wie das bei anderen Menschen ist, aber ich gehe arbeiten, weil ich einen Job habe, der mir sehr viel Spaß macht und mich ausfüllt. Ich gehe arbeiten, weil Arbeit für mich Normalität darstellt, das Gefühl, dass alles in Ordnung sei. Ich gehe arbeiten, um soziale Kontakte zu haben, mein Gehirn zu beschäftigen, mich Herausforderungen zu stellen und letztendlich weil ich das Geld brauche. Ja, auch meinem Nebenjob gehe ich seit über 10 J. noch nach, aus ähnlichen Gründen und weil auch dieser Nebenjob ein wichtiger Teil meines Lebens ist.

Daheimbleiben – ja, wenn es mir nicht gut geht, wenn ich Nebenwirkungen habe, mich schlecht fühle, dann bin ich in Krankenstand.

Aber in Frühpension gehen, solange es mir gut geht und ich mich arbeitsfähig fühle? Warum? Was soll ich daheim tun? Nach den vielen Wochen Krankenstand wegen des Knöchelbruches hab ich eh schon am Rad gedreht, mir fiel die Decke auf den Kopf, ich war aggressiv, lahmgelegt, auf andere angewiesen und vor allem geistig unterfordert. Ich kannte alle Serien von Amazon, Netflix, maxdome, Sky, etc. Mindestens 20 Paar Socken hab ich gestrickt, viele FB-Spiele probiert, etc.

Ich werde dann nicht (mehr) arbeiten gehen, wenn es wirklich nicht mehr geht, egal warum. Und ich hoffe, dass das noch sehr lange dauert, bis es soweit ist.

Bis dahin lasst euch gesagt sein, dass für manche Menschen wie für mich die „Normalität“ ein wichtiger Anker ist, ein Anker, der einem das Gefühl vermittelt, man würde noch mitten im Leben stehen und alles könnte wieder gut werden.

Morgen ist Dienstag

Morgen ist Dienstag, morgen sind wieder 3 Wochen vergangen und ich häng am sog. „Chemobaum“. Morgen läuft wieder Abraxane in mich hinein und ich freu mich mittlerweilen sogar schon richtig auf diese Tage. Gemütlich ins KH fahren, die Vorbereitung hinter mich bringen, gemütlich einen Kaffee trinken und dann gehts gegen Mittag los. Nach nur 1 Stunde ist alles erledigt und ich kann mich dann daheim erholen bei einem weiteren guten Kaffee, bei dem ich dann das positive Kopfkino einschalten werde. In meinen Gedanken gibt es dann so kleine schwarze Männchen, die den ganzen Metastasen an den Kragen gehen, sie vermöbeln, so richtig zermatschen 🙂