Ich und Ich

 

Heute möchte ich euch versuchen, zu erklären, was es auf sich hat mit meinem Ich. Dabei ist das gar nicht so einfach, denn ich habe festgestellt, es gibt mehrere Ich’s. Nein, nein, ich bin kein Fall für eine psychiatrische Anamnese oder so. Ok, ich glaube, das muss ich ausführen…

Da gibt’s einmal das eine Ich: Christa, mittlerweilen 47 Jahre jung, von harmonischer Natur, schon ein wenig gedämpft über die Jahre, jedoch grundsätzlich noch immer ich selbst. Ich gehe seit vielen Jahren arbeiten, gestalte meine Freizeit gerne gemütlich und finde nichts dabei, mich vom Leben weitertragen zu lassen. Ich fühle mich kerngesund, ein wenig übergewichtig, doch der Verlust von ein paar Kilos motiviert mich gerade. Sport ist nichts für mich und patschert bin ich auch, also keine gute Kombination. Aber ich fühle mich toll und lebe einfach weiter, zukunftsorientiert und optimistisch.

Und dann, dann gibt’s das andere Ich: die Christa, die genauso alt ist, jedoch deren Psyche sich immer mehr weigert, zu verstehen und zu akzeptieren, dass ich alle 3 Wochen für die Dauer der CHT-Nebenwirkungen ausgeknockt bin. Schwach, zittrig, klapprig, ängstlich, auch nur wenige Meter zu gehen wegen der Anstrengung und der Angst vor einem Sturz. Körperlich angegriffen durch Schmerzen, Schweißausbrüche, den Verlust des Geschmacks, einer leichten Übelkeit und überhaupt und außerdem mies beinand. Gedanken über schlechte Prognosen, Zukunftsverlust, Resignation und einfach nur „Mann, geht’s mir sch….“

Das ist doch irgendwie paranoid, oder? Zwei komplett verschiedene Leben in einem Körper, gesund und chron. krank, positiv und depremiert, zukunftsorientiert und verloren. Wie soll ich dem gesunden Geist erklären, dass der Körper eigentlich chron. krank ist und die Prognose nicht so prickelnd? Wie soll ich dem einen Ich in der Zeit ohne Nebenwirkungen erklären, dass das andere Ich nur darauf lauert, wieder für ein paar Tage die Oberhand zu gewinnen?

Irgendwann irgendwie….

Warum gehst du arbeiten??

Tja, warum geht man arbeiten? Ich weiß nicht, wie das bei anderen Menschen ist, aber ich gehe arbeiten, weil ich einen Job habe, der mir sehr viel Spaß macht und mich ausfüllt. Ich gehe arbeiten, weil Arbeit für mich Normalität darstellt, das Gefühl, dass alles in Ordnung sei. Ich gehe arbeiten, um soziale Kontakte zu haben, mein Gehirn zu beschäftigen, mich Herausforderungen zu stellen und letztendlich weil ich das Geld brauche. Ja, auch meinem Nebenjob gehe ich seit über 10 J. noch nach, aus ähnlichen Gründen und weil auch dieser Nebenjob ein wichtiger Teil meines Lebens ist.

Daheimbleiben – ja, wenn es mir nicht gut geht, wenn ich Nebenwirkungen habe, mich schlecht fühle, dann bin ich in Krankenstand.

Aber in Frühpension gehen, solange es mir gut geht und ich mich arbeitsfähig fühle? Warum? Was soll ich daheim tun? Nach den vielen Wochen Krankenstand wegen des Knöchelbruches hab ich eh schon am Rad gedreht, mir fiel die Decke auf den Kopf, ich war aggressiv, lahmgelegt, auf andere angewiesen und vor allem geistig unterfordert. Ich kannte alle Serien von Amazon, Netflix, maxdome, Sky, etc. Mindestens 20 Paar Socken hab ich gestrickt, viele FB-Spiele probiert, etc.

Ich werde dann nicht (mehr) arbeiten gehen, wenn es wirklich nicht mehr geht, egal warum. Und ich hoffe, dass das noch sehr lange dauert, bis es soweit ist.

Bis dahin lasst euch gesagt sein, dass für manche Menschen wie für mich die „Normalität“ ein wichtiger Anker ist, ein Anker, der einem das Gefühl vermittelt, man würde noch mitten im Leben stehen und alles könnte wieder gut werden.

Morgen ist Dienstag

Morgen ist Dienstag, morgen sind wieder 3 Wochen vergangen und ich häng am sog. „Chemobaum“. Morgen läuft wieder Abraxane in mich hinein und ich freu mich mittlerweilen sogar schon richtig auf diese Tage. Gemütlich ins KH fahren, die Vorbereitung hinter mich bringen, gemütlich einen Kaffee trinken und dann gehts gegen Mittag los. Nach nur 1 Stunde ist alles erledigt und ich kann mich dann daheim erholen bei einem weiteren guten Kaffee, bei dem ich dann das positive Kopfkino einschalten werde. In meinen Gedanken gibt es dann so kleine schwarze Männchen, die den ganzen Metastasen an den Kragen gehen, sie vermöbeln, so richtig zermatschen 🙂